
Wenn Alltägliches wieder möglich wird: Ergotherapie in der Universitären Altersmedizin FELIX PLATTER
Eine Tasse aus dem Schrank nehmen. Die Kaffeemaschine bedienen. Die volle, heisse Tasse sicher zum Tisch tragen. Was für die meisten Menschen selbstverständlich ist, setzt unter anderem motorische Koordination, räumliche Wahrnehmung, Gleichgewicht und kognitive Planung voraus. All diese Fähigkeiten können nach einem Schlaganfall, einer Verletzung oder im Verlauf einer Demenz beeinträchtigt sein. Genau hier setzt die Ergotherapie an.
Pierrette Gamboni ist Ergotherapeutin an der Universitären Altersmedizin FELIX PLATTER (UAFP) und arbeitet seit fünfeinhalb Jahren in der Altersmedizin. Zur Ergotherapie fand sie über einen Umweg: Nach der Matura war ihr das Universitätsstudium zu kopflastig. «Ich wollte Kopf, Hand und Herz kombinieren», sagt sie. Ein Praktikum in der damaligen TSM (Tagesschule für motorisch und sehbehinderte Kinder) öffnete ihr die Tür. Was sie dort in der Ergotherapie erlebte, liess sie nicht mehr los. Heute schätzt sie vor allem die Vielschichtigkeit ihrer Patientinnen und Patienten und die fachliche Tiefe, die dieser Beruf in der Altersmedizin und in der Neurologie verlangt.
Handlungsfähigkeit, nicht Handwerk
Ergotherapie wird häufig mit Basteln oder Handwerk verbunden. Das Bild täuscht. «Wir evaluieren, was ein Mensch braucht, um handlungsfähig zu sein und seine Alltagstätigkeiten wieder ausführen zu können», erklärt Pierrette. Der Fachbegriff dafür lautet ATL, Aktivitäten des täglichen Lebens, wie z.B. Ankleiden, Körperpflege, Kochen, Einkaufen, Wäsche machen, die Benutzung des ÖVs, Umgang mit Alltagstechnologien und vieles mehr.
Nebst dem ATL-Training ergänzen die Hilfsmittelberatung, die Wahrnehmungsförderung, ein kognitives und senso-motorisches Training, sowie die Beratung bzgl. externer Unterstützungsdienste wie bspw. das Café Balance und der Bewegungstreff, die Therapieinhalte.
Für die Abklärung steht der UAFP u.a. ein eigens eingerichteter ATL-Raum zur Verfügung mit Badewanne, Waschmaschine, Bügeleisen und einer voll ausgestatteten Küche, sowie ein Therapiegarten. So können alltagsnahe Situationen direkt vor Ort beobachtet und trainiert werden. Zuerst wird ohne Hilfsmittel befundet, dann wird geprüft, ob und wie Hilfsmittel die Situation verbessern. «Das Ziel ist immer, so viel Selbständigkeit wie möglich zu erhalten oder zurückzugewinnen», sagt Pierrette.
Was Pierrette an der Altersmedizin besonders interessant findet, ist die Multimorbidität ihrer Patientinnen und Patienten. Sie bringen selten ein einziges Problem mit. «Jeder Mensch braucht etwas anderes. Breit denken und behandeln, das ist die Herausforderung, die ich liebe», sagt sie. Diese Breite verlangt eine umfassende Anamnese: Was kann die Person noch? Wo liegen Einschränkungen, körperlich, kognitiv, im sozialen Umfeld? Welche Unterstützung existiert bereits, und was könnte noch aktiviert werden?
Wenn Energie zum knappen Gut wird: Fatigue-Management
Ein besonderes Angebot der UAFP ist das strukturierte Energiemanagement bei Fatigue. Fatigue ist keine gewöhnliche Müdigkeit, sondern eine anhaltende Erschöpfung, die sich auch durch ausreichend Schlaf nicht beheben lässt. Sie tritt häufig als Begleitsymptom chronischer rheumatischer, neurologischer oder onkologischer Erkrankungen sowie bei Long-Covid auf und schränkt Betroffene im Alltag erheblich ein. «Viele Patientinnen und Patienten beschreiben, dass sie morgens aufwachen und bereits erschöpft sind, bevor der Tag überhaupt begonnen hat», erklärt Pierrette.
Die UAFP bietet Energiemanagement in der Einzel-Ergotherapie an. Betroffene erhalten zunächst Wissen über die Fatigue und lernen, das Symptom und seine Auswirkungen auf den eigenen Alltag zu analysieren. Anschliessend werden persönliche Schwierigkeiten anhand der täglichen Aktivitäten und Routinen betrachtet, um schrittweise individuelle Veränderungen einzuleiten. Ziel ist es, eine aktivere Kontrolle im Umgang mit der Fatigue zu erlangen. Die Anmeldung erfolgt mit ärztlicher Verordnung, wobei empfohlen wird, die Fatigue als Folge der Grunderkrankung zu vermerken.
Kleine Lösungen, grosse Wirkung
Oft sind es keine grossen Eingriffe, sondern gezielte Anpassungen, die den Alltag wieder möglich machen. Wer unsicher auf den Beinen ist, transportiert die Wäsche neu mit dem Rucksack statt mit dem Wäschekorb, weil so beide Hände frei bleiben. Wer nach einem Schlaganfall oder durch Arthrose in der Handfunktion eingeschränkt ist, erhält verdickte Griffe an Besteck und Werkzeugen, die das Greifen erleichtern. Wer sich nicht bücken darf oder kann, lernt seine Socken mit der Sockenanziehhilfe wieder selbst anziehen zu können.
Pierrette stellt fest, dass genau das der Kern ihrer Arbeit ist. «Die Leute kommen mit konkreten Problemen. Unsere Aufgabe ist es, ihren Alltag so zu gestalten, dass er wieder so funktioniert wie zuvor, oder sogar besser. Wir ermöglichen, dass die Patientinnen und Patienten die grösstmögliche Handlungsfähigkeit erlangen und erhalten, um die eigenen wichtigen Tätigkeiten ausführen zu können und so Selbstwirksamkeit zu ermöglichen.»
Angehörige einbeziehen, nicht ersetzen
Was in der Therapie geübt wird, muss im Alltag weitergeführt werden, sonst verpufft der Fortschritt. Deshalb bezieht Pierrette bei Bedarf Angehörige gezielt in die Beratung ein. Dabei geht es nicht darum, dass Angehörige möglichst viel übernehmen, sondern darum, dass sie wissen, was sie der betroffenen Person überlassen sollen und wie sie gezielt unterstützen können. «Sonst verlernt die Patientin oder der Patient, was gerade mühsam wieder erlernt wurde», sagt Pierrette. Der Unterschied zwischen Unterstützen und Abnehmen, ist oft entscheidend für den langfristigen Therapieerfolg.
Gleichzeitig spricht Pierrette auch die Belastung auf Seiten der Angehörigen an. Wer täglich für einen nahestehenden Menschen da ist, braucht selbst Entlastung. Sie weist deshalb gezielt auf Unterstützungsangebote hin, welche Angehörigen Raum zum Austausch und Verschnaufen geben. «Man kann nur gut unterstützen, wenn es einem selbst gut geht», ist ihr Grundsatz.
Gemeinsam mehr erreichen
Ergotherapie funktioniert an der UAFP nicht als Einzeldisziplin. Die enge interprofessionelle Zusammenarbeit ist für Pierrette selbstverständlich. In interprofessionellen Fallbesprechungen werden Therapieziele abgestimmt und Fortschritte besprochen. «Das Team ist sehr hilfsbereit, interessiert und unterstützend. Diese Interdisziplinarität und Vielseitigkeit gibt es nicht überall», sagt sie. Die Möglichkeit, die eigene Fachexpertise mit den Einschätzungen anderer Berufsgruppen zu verbinden, macht die Behandlungsqualität besser und den Arbeitsalltag reicher.
Haben Sie Fragen zur Ergotherapie der Universitären Altersmedizin FELIX PLATTER oder möchten Sie eine Zuweisung vornehmen? Wir freuen uns über Ihre Nachricht an Therapiekoordination@felixplatter.ch.