Respekt hilft heilen
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Respekt hilft heilen

Respekt kennt mehrere Darstellungsformen – von der angstgesteuerten Unterwürfigkeit bis hin zur dankbaren Verehrung. Das zuweilen stark ausgeprägte Bedürfnis des alten Menschen, als Individuum wahrgenommen und respektiert zu werden, kann mit einer seelischen Umbruchphase zu tun haben: Es fällt schwer, zu akzeptieren, dass Selbständigkeit zu bröckeln beginnt, dass man auf Hilfe, Pflege und Beistand angewiesen ist und nicht mehr in jeder Situation Herrin oder Herr im eigenen "Haus" sein kann. So wird verständlich, dass eine alte Dame im Pflegeheim sehr ungehalten reagierte, als ihr die Pflegerin verhiess: "Ich lege Ihnen jetzt den Essmantel um, damit Sie nicht wieder alles vollsabbern. "Gut, dass die Pflegedienstleiterin den Vorfall beobachtet hatte und der Mitarbeiterin klar machte: "Wir sprechen von „Serviette“ und nicht von Essmantel. Und es ist respektlos und inakzeptabel, dass Sie eine Schwäche dieser Bewohnerin erwähnt haben."

 

Verena Kast, emeritierte Professorin an der Universität Zürich, hat sich mehrfach mit dem Themenfeld "Abschiedlich leben" beschäftigt. Das Alter mahnt oder zwingt unweigerlich zur Wahrnehmung von Endlichkeit und Abschiedlichkeit. Spürt der alte Mensch, dass nicht erstrangig seine Hinfälligkeit im Fokus steht, sondern dass man ihn als Persönlichkeit mitsamt ihrer Lebensleistung respektiert, gibt ihm dies Halt in schwierigen Situationen. Respekt sollte in diesem Kontext nicht mit betulicher "Gnadenhof" - Freundlichkeit verwechselt werden. Respekt hilft dann heilen – im körperlichen wie im Seelischen Bereich - wenn er von unverkrampfter Mitmenschlichkeit geleitet wird, frei von Arroganz und Ignoranz. "Als ich haltlos heulte, weil mir nach einer Operation das Hinterteil gesäubert werden musste, teilte mir die Pflegerin mit: "Ich möchte Ihnen sagen, dass Sie eine vorbildliche Patientin sind, die in unserm Haus einen guten Ruf hat. "Ich war amüsiert und fühlte mich unversehens erleichtert und getröstet. "Die Seniorin –nennen wir sie Selma – lacht heute noch, wenn sie diese Klinik-Episode erzählt.

 

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Meta Zweifel, Jahrgang 1933, schreibt als freie Journalistin für verschiedene Gesundheitsmagazine. Die ehemalige DRS-Moderatorin und Chefredaktorin der Fachzeitschrift Drogistenstern ist unter anderem Mitglied im Seniorenrat Münchenstein und moderiert regelmässig die Veranstaltungsreihe ALTERNATIVEN in der Universitären Altersmedizin FELIX PLATTER. In lockerer Folge widmet sie sich im FELIX PLATTER-Blog Gesundheitsfragen im Alter.    

Meta Zweifel
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