Vom richtigen Wort zur rechten Zeit
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Vom richtigen Wort zur rechten Zeit

In der Praxis eines Augenarztes, die Diagnose des Fachmanns: Makuladegeneration. Der Spezialist erklärt, was es mit dieser weitgehend altersbedingten Augenerkrankung auf sich hat. Die Patientin, 75,  ringt um Fassung. Wird sie eine ehrenamtliche Tätigkeit, die für sie eine Art Lebensmotor darstellt, trotz schwindender Sehkraft weiterhin  ausüben können? Mit sonnigem Lächeln meint der Arzt: "Ach ja, geniessen Sie  doch einfach noch Ihr Leben. Es ist schon möglich, dass Ihnen die Lesefähigkeit  abhanden kommt." Der Mann meint es gewiss nicht "bös",  die Frau jedoch hat das Gefühl, von einem emotionalen Hammerschlag getroffen worden zu sein – obwohl ihr klar ist, dass Makuladegeneration für  den Facharzt kein Ereignis bedeutet, sondern zur medizinischen Alltäglichkeit gehört. 

 

Hat denn ein Arzt nicht die Pflicht, die Fakten klar darzulegen und keine falschen Hoffnungen aufkommen zu lassen?  Gewiss,  und als Patient darf man auch nicht erwarten, dass der medizinische Fachmann oder die Fachfrau mit jenem überirdischen Einfühlungsvermögen begnadet sind, wie es in Berg-und Tal-Doktor-Serien zelebriert wird. Falls es aber wahr ist, dass  sich die Wirkung eines Medikaments positiv erhöht, wenn es vom Apotheker oder der Apothekerin freundlich oder gar mit einem aufmunternden Wort über die Theke gereicht wird: Wieviel intensiver noch kann das Wort der Arztperson wirken, der man sich anvertraut hat? Insbesondere ein älterer oder alter Mensch mag auf eine beiläufige Bemerkung empfindlicher reagieren als Patienten aus der Liga der Jüngeren. Das Wort des Medizinmannes oder der Medizinfrau: Es hallt bei Seniorinnen und Senioren   länger oder gar sehr lange nach. Es kann den Boden für  Heilung, Gelassenheit oder Akzeptanz vorbereiten – oder aber es lässt das bittere Gefühl aufkommen, man werde nicht ernst genommen und in seiner Individuellen Lebenssituation nicht genügend wahrgenommen. Während einiger Zeit war die "Mündigkeit" des Patienten, der Patientin ein viel diskutiertes Thema. Vielleicht gehört zur Mündigkeit insbesondere der älteren Patientinnen und Patienten auch der Mut, im richtigen Moment der Arztperson ganz ruhig mitzuteilen: "Was Sie da eben gesagt haben, kränkt mich", oder "wie muss ich verstehen, was ich eben gehört habe?"

 

Der Osterreicher Arthur Koestler hatte schon recht, wenn er schrieb: "Worte sind wie Luft. Aber die Luft wird zum Wind." Zum Wind des Vertrauens und der Zuversicht oder aber zum Wind des Trübsinns, des Missverstehens oder der Verunsicherung. Nicht jedes Wort muss auf die berühmte Goldwaage gelegt werden. Die Waage, mit der Empathie gewogen wird, hat jedoch im Umfeld Gesundheitspflege erhebliche Bedeutung.

 

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Meta Zweifel, Jahrgang 1933, schreibt als freie Journalistin für verschiedene Gesundheitsmagazine. Die ehemalige DRS-Moderatorin und Chefredaktorin der Fachzeitschrift Drogistenstern ist unter anderem Mitglied im Seniorenrat Münchenstein und moderiert regelmässig die Veranstaltungsreihe ALTERNATIVEN in der Universitären Altersmedizin FELIX PLATTER. In lockerer Folge widmet sie sich im FELIX PLATTER-Blog Gesundheitsfragen im Alter.    

Meta Zweifel
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