Kognitive Störung im Alter: Was ist «normal», was ist abklärungsbedürftig?
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Kognitive Störung im Alter: Was ist «normal», was ist abklärungsbedürftig?

24 Aug 2021

Ältere Patienten haben die Tendenz, bei vermehrter Vergesslichkeit und anderen «kleinen» Hirnfehlleistungen das Älterwerden oder das Alter im Allgemeinen dafür verantwortlich zu machen. Die Tatsache ist eine andere. Die normale Hirnalterung ist wissenschaftlich sehr gut untersucht und lediglich mit einer diskreten Verlangsamung von Denk- und Reaktionsprozessen verbunden. Kann also ein Name nicht sofort, aber nach einer gewissen Zeit erinnert werden, ist dies noch «normal». Wenn man immer schon ein schlechtes Namensgedächtnis hatte, darf man im Alter keine diesbezügliche Verbesserung erwarten. Ist die Vergesslichkeit aber neu und entsteht dadurch ein subjektiver Leidensdruck, so sollte dies ernst genommen werden, denn aktuelle Forschungen zeigen,  dass in 25 Prozent der Fälle innerhalb von sechs Jahren eine Demenz zu befürchten ist.[1] Leider werden Hirnleistungsstörungen oft primär auf Gedächtnis und Vergesslichkeit reduziert. Unser Hirn leistet jedoch viel mehr, denn viele dementielle Prozesse beginnen in anderen Hirnleistungsbereichen, wo Verschlechterungen bei erhaltener Gedächtnisleistung primär über ein anderes Verhalten sichtbar werden, zum Beispiel bei Problemen mit komplexen Aufgaben wie Management von finanziellen Angelegenheiten oder auch beim Kochen von komplizierteren Menus. Solche Veränderungen sind nicht normal und sollten abgeklärt werden.

 

Abgrenzung von «normal» versus «pathologisch»

Beim Hausarzt muss mit wenig Zeitaufwand entschieden werden können, ob kognitive Störungen schnell weiter abgeklärt werden müssen, ob weiter beobachtet werden sollte oder kein weiterer Handlungsbedarf besteht. Das frühere zeitaufwändige Screening von kognitiven Störungen wurde in den letzten Jahren signifikant weiterentwickelt: Die von den «Swiss Memory Clinics» und Schweizer Hausärzten entwickelte Testung «BrainCheck» (http://www.braincheck.ch/de) trennt in wenigen Minuten «normal» von «pathologisch» mit einer Trennschärfe von 90 Prozent.[2] Beim Test müssen drei einfache Fragen beantworten und ein Uhrentest absolviert werden. Gleichzeitig werden den engsten Angehörigen sieben kurze Fragen gestellt. Alle Resultate können sofort elektronisch erfasst und beurteilt werden. Bei bestehender weiterer Abklärungsbedürftigkeit muss zusammen mit der betroffenen Person und den Angehörigen entschieden werden, wie die Diagnostik weiter vorangetrieben werden soll.

 

Abklärungsbedürftige kognitive Störungen

Die Art der weiteren Abklärung von kognitiven Störungen ist sehr individuell und hängt vom Einverständnis, dem Gesundheitszustand, der Lebenserwartung und den sozialen Lebensumständen jedes einzelnen ab. Bei fitten Senioren sollte immer eine spezialisierte Abklärung bei einem Demenzspezialisten oder einer Memory Clinic erfolgen. Diese umfasst neben einer medizinischen Untersuchung mit Labor und Biomarkern eine neuropsychologische Abklärung mit Hirnbildgebung. Bei sehr hochaltrigen und fragilen Patienten kann auch eine verkürzte kognitive Abklärung (z.B. mittels sogenanntem MoCa-Assessment[3] erfolgen. Diese kann oft sogar beim Hausarzt durchgeführt und diagnostisch ausgewertet werden. Zusätzlich sollte ebenfalls eine Hirnbildgebung durchgeführt werden, um den wahrscheinlichsten neuropathologischen Grund einer dementiellen Entwicklung festzulegen. Dies ist entscheidend für die Art der einzuleitenden Therapie.

 

Wichtigste Erkenntnis ist also: Es gibt einfache Verfahren, die beim Hausarzt absolviert werden können. Mit diesen kann sicher beurteilt werden, ob kognitive Veränderungen «normal» oder behandlungsbedürftig sind. 

 

[1] Wolfsgruber S et al. Differential risk of incident Alzheimers Disease Dementia in stable versus unstable patients of subjective cognitive decline. J Alzheimers Dis 2016 ; 54 : 1135-1146.

[2] Ehrensperger MM et al BrainCheck – a very brief tool to detetc incipeint cognitive decline : optimized case-finding combining patient- and informant-based data-Alz. Res Ther 2014 ; 6 : 69

[3] Nasreddine ZS et al. The Montreal Cognitive Assessment, MOCA : A brief screening tool for mild cognitive impairment. J Am Geriatric Soc. 2005 ;53 :695-699.

Prof. Dr. med. Reto W. Kressig, Ärztlicher Direktor
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